Resilienz in Zeiten des Krieges – eine ukrainische Mutter erzählt

Im Herbst 2022 lernte ich Liudmyla, einige andere ukrainische Frauen und ihre Kinder in Darmstadt kennen.

Diese waren Schüler*innen der Waldorfschule, und ich unterrichtete sie zunächst ehrenamtlich zweimal in der Woche, einige Zeit später dann bis zum Sommer 2025 »offiziell« als DAZ-Lehrerin.

Mit Liudmyla habe ich weiterhin Kontakt und ich lernte sie besser kennen. Irgendwann tauchte in mir die Idee auf, mit ihr auch ein Interview zu führen. Dabei sollte es im Kern um die Frage gehen, wie es ihr gelingt, in ihrer derzeitigen Situation in Deutschland als Mutter zweier Söhne resilient zu bleiben.

Natürlich war mir bewusst, dass diese Art der Familien­resilienz eine ganz andere Dimension, einen ganz anderen Charakter hat als das, womit ich mich sonst beschäftige.

Mein Interesse galt besonders der Frage danach, welche Rolle für sie Akzeptanz, Zuversicht, Verantwortung, Lösungs­orientierung, soziale Beziehungen, Gestaltung der Zukunft und Selbst­fürsorge gespielt haben als »Grundpfeiler« eines resilienten Menschen.

Das Interview entwickelte sich jedoch eher zu einer Erzählung bzw. zu einem Gespräch.

Liudmylas Geschichte hat mich sehr berührt, ich könnte auch sagen ergriffen, und ich habe großen Respekt und viel Achtung vor ihrer Haltung und ihrer Kraft.

Der Krieg gegen die Ukraine begann im Februar 2022

Liudmyla lebte mit ihrer Familie in einem Hochhaus in Kiew.

Ihre Söhne gingen zur Waldorfschule in Kiew, in die zweite und achte Klasse, sie selbst unterrichtete dort als Klassen­lehrerin. Jeden Tag verfolgte Liudmyla die Nachrichten in den sozialen Medien und las über Besetzungen, den Verlauf der Front und dass immer mehr Menschen flohen – in alle erdenklichen Richtungen und Länder.

Die Lage wurde zunehmend bedrohlich

Der kleine Sohn hatte Angst, wenn er die Raketen hörte und immer wieder wackelte das ganze Haus.

Entscheidend war, als sie an einem Tag im April erfuhr, dass zwei ihr bekannte Frauen mit den Kindern in Darmstadt angekommen waren und ihr schrieben: »Komm! Es gibt hier eine Wohn­möglichkeit für euch! Und es gibt eine Waldorfschule!«

Liudmylas Mann selbst war klar, dass er nicht würde fliehen können, doch er stimmte zu, als sie ihm mitteilte: »Die Kinder und ich fahren nach Deutschland!« Liudmyla: »Wenn wir keine Kinder gehabt hätten, wäre ich geblieben!«

Beide organisierten die Zugfahrt

Über Warschau und Berlin fuhren sie, unterstützt von verschiedenster Personen, die sie zum Teil nur sehr entfernt kannten: Liudmyla erzählte, dass ein unglaubliches Netzwerk der Unterstützung entstand und alle sich gegenseitig halfen. Sie kamen in Darmstadt an und wurden von einer deutschen Frau am Bahnhof empfangen, die sich von Anfang an sehr engagiert um alle Ukrainer*innen kümmerte.

Liudmyla war fest davon überzeugt, dass sie nach 3 Monaten zurückkehren würden

Doch, und an dieser Stelle wird der Aspekt der elterlichen Verantwortung deutlich: Gegenüber ihren Kindern stellte sie die baldige Rückkehr nicht in Aussicht. Für die Beiden war klar: Sie sollten möglichst schnell in die Waldorfschule gehen können.

Diese Aufnahme war zunächst schwierig, doch es gelang durch die Unter­stützung verschiedener Menschen und weckte bei Liudmyla Zuversicht: Ihre Söhne kannten die besonderen Fächer und die Rhythmen eines Waldorf-Schultages; sie konnten daher gut »andocken« und hatten eine Art vertrauter Umgebung, auch wenn sie die Sprache kaum verstanden. Liudmyla erinnert sich, dass sie in diesen ersten Monaten »wie in einem Nebel« lebte, in völliger Ungewissheit, wie das Leben ihrer Familie weitergehen würde.

Sie und ihre Söhne waren nun Flüchtlinge in einem Land, dessen Sprache sie kaum verstanden

Ssie hatte ihre geliebte Tätigkeit als Lehrerin von einem Tag auf den anderen aufgegeben, sich von ihren Schüler*innen und Eltern dort verabschiedet – und von ihrem Mann.

Was genau half ihr? Ich stellte diese Frage während unseres Gespräches immer wieder. Vor uns auf dem Boden lagen die Resilienzfaktoren, sozusagen als roter Faden meines Interesses. Und dann sagte sie: »Wir haben die Krone auf den Tisch gestellt«, und machte eine entsprechende Geste.

»Krone auf den Tische gestellt? Was meinst Du damit?«

Liudmyla berichtete nun von verschiedenen Situationen, um zu erklären, was sie mit diesem Bild ausdrücken wollte:

Ihr ältester Sohn sollte recht bald mit auf Klassenfahrt fahren, er wollte nicht. Sie sagte zu ihm: »Du musst! Auch wenn du deine Mitschüler nicht kennst und verstehst! Du musst Deutsch lernen und Kontakte knüpfen!«

Er kam zurück und verabredete sich mit dem ersten Jungen. Der kleinere Sohn wollte nicht in die Zirkus AG und bekam die gleiche Reaktion. Beide zusammen gingen zum Judo, andere Aktivitäten kamen hinzu.

Ihre Söhne waren gute, beliebte Schüler gewesen, eingebunden in ein soziales Netz, und sie mussten hier ganz von vorne anfangen.

Liudmyla vermittelte ihnen immer wieder: »Wir leben jetzt hier, und der einzige Weg für euch ist es, dass ihr euch einbringt, dass ihr euch auf die deutschen Mitschüler*innen einlasst und sie kennenlernt. Ihr habt jetzt die Möglichkeit, gut Deutsch zu lernen, wer weiß, wozu das in eurer Zukunft gut ist?«

Die »Krone« ist für sie ein Symbol für das eigene Selbst-Bild, das Selbstwertgefühl, der wertschätzende Blick auf das eigenen Können. Das Eingebettet-Sein in eine gemeinsame Sprache ist dafür natürlich eine Grund­voraussetzung, ansonsten bleibt die Krone unsichtbar oder schmucklos.

Und Liudmyla selbst?

Sie arbeitet jetzt als Hauswirtschaftshilfe in einem Waldorfkindergarten – die Krone der erfahrenen Lehrerin und der selbstbestimmten Frau steht auf dem Tisch. Manchmal, so erzählt sie mit einem Blitzen in den Augen, wenn sie mit ihren ukrainischen Freundinnen einen schönen Ausflug macht (sich somit um ihre Selbstfürsorge kümmert), setzt sie die Krone auf und genießt diese Zeit in vollen Zügen.

Man könnte Liudmylas Haltung als radikale Akzeptanz bezeichnen.

Sie sagte zum Abschluss:

»Mir geht es nicht wirklich gut, aber für meine Kinder und ihre Zukunft ist es richtig, und deshalb ist es gut.«

Die radikale Akzeptanz ihrer gesamten Situation gibt ihr die Möglichkeit, möglichst zuversichtlich zu sein und immer wieder nach Lösungen zu suchen und den nächsten Schritt zu gehen.

Ich bin Liudmyla sehr dankbar für dieses Gespräch!

Anmerkung: Die fett geschriebenen Wörter sind die Grundbausteine der Resilienz.