Interview mit Jutta Gelbke

Jutta Gelbke aus Mühltal hat sich auf Resilienzförderung und Trauerbegleitung bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. In einem spannenden Interview antwortet sie auf meine Fragen:

Monika Reetz:

Liebe Jutta, bitte beschreibe doch in ein paar Sätzen, welche Angebote du für Kinder und Jugendliche bereithältst!

Jutta Gelbke:

Liebe Monika, vielen Dank für die Einladung und dein Interesse an meinem Wirken. Ich begleite Kinder und Jugendliche in lebens­verändernden, belastenden Situationen wie zum Beispiel bei Scheidung, Umzug oder einem Trauerfall. Auch präventiv unterstütze ich sie dabei, ihre Resilienz und Persönlichkeits­entwicklung zu stärken – etwa durch Mobbing-Prävention sowie das Erkennen und Entwickeln des eigenen Selbstwerts.

Weitere Angebote richten sich an Kitas, denn hier liegt meiner Meinung nach eine große Chance. Ich habe verschiedene Fortbildungen und Trainings entwickelt, die gezielt auf die Resilienz der Kinder rund um die Themen Leben, Tod und Trauer ausgerichtet sind.

Was würdest du sagen: Welche Art der Begleitung benötigen trauernde Kinder am nötigsten?

Die Trauerbegleitung von Kindern baut meiner Meinung nach auf vier wichtigen Säulen auf:

  1. Absolute Ehrlichkeit
  2. Verlässlichkeit
  3. Die Fähigkeit, ihre Gefühle auszuhalten
  4. Zeit

Gibt es große Unterschiede mit Blick auf die Jugendlichen?

Ja, es gibt große Unterschiede. Je älter die Kinder werden, desto bewusster wird ihnen die eigene Endlichkeit. Das wirft andere Fragen auf. Sie überprüfen die
Verlässlichkeit und die Loyalität mir gegenüber sehr intensiv. Diese »Überprüfung« dient der Sicherheit, gibt Orientierung und unterstützt den Trauerprozess.

Inwiefern spielen Tiere in deiner Arbeit eine Rolle?

Tiere sind etwas Wundervolles! Mein Kater Luke ist sehr oft bei den Trainings und Trauer­begleitungen dabei. Er bringt eine gewisse Leichtigkeit in die Einheiten, spendet Nähe, fordert aber auch seine Leckerlis und Streichel­einheiten ein. Unser Pony kann unter­stützend wirken, wenn es Kindern schwerfällt, sich zu öffnen. Die Fürsorge für ein Tier löst viele Blockaden. Zu erleben, wie ein großes und schweres Tier auf die Kinder und Jugendlichen reagiert und auf sie zugeht, ist immer wieder beeindruckend. Diese Begegnungen sind so einzigartig wie die Kinder selbst. Dabei erleben sie sehr deutlich, was Körpersprache und die eigene mentale Einstellung bewirken können.

Ich habe in Erinnerung, dass dein Einsatz als Helfende im Ahrtal für dich persönlich der Beginn Deiner Arbeit mit Trauernden war. Möchtest Du dazu etwas sagen?

Durch die Ahrtal-Hochwasser­katastrophe im Sommer 2021 wurde mir bewusst, wie hilflos man sich fühlen kann, wenn trauernde Menschen von ihrem Verlust erzählen.

Ich war mehrere Wochenenden im Einsatz, immer im selben Haus am Ende einer Sackgasse. Die Betroffenen und die Helfer wurden schnell miteinander vertraut und halfen einander. Ich habe viele Erzählungen von der Katastrophen­nacht gehört, doch eine hat mein Leben verändert:

Eine Frau erzählte mir, wie ihr Mann in dieser Nacht verstorben ist. Ihre Verzweiflung, die Ohnmacht und die Hoffnungslosigkeit haben mich sehr bewegt. Ich war wie gelähmt, und in diesem Moment fehlten mir die Worte und Ideen für wert­schätzende, verständnis­volle Handlungen. Noch auf der Heimfahrt beschloss ich, dass ich ein solches Gefühl nie wieder empfinden wollte. Das Wort »Handlungsfähigkeit« hat von diesem Tag an einen ganz neuen Stellenwert für mich erhalten.

Ich recherchierte und stieß auf die Webseite des Bundesverbandes Trauerbegleitung e. V. – da wusste ich es! Ich ließ mich zur Trauerbegleiterin ausbilden. Dass sich mein Schwerpunkt auf Kinder und Jugendliche richten würde, war von Anfang an klar, denn auch ich habe in jungen Jahren Verluste erfahren. Die Kinder und Jugendlichen sehen mich als jemanden, der »überlebt« hat – ich bin für sie eine Art Hoffnungs­trägerin, denn spätestens in der zweiten Einheit fragen sie mich, ob ich auch eigene Verluste hatte. Dass ich diese Frage mit Ja beantworten kann, öffnet mir Türen.

Welches sind für dich die besonderen Momente in deiner Arbeit?

Ein besonderer Moment ist immer, wenn sich die Energie im Raum von Angst, Anspannung und Ungewissheit in Orientierung, Aufatmen und Neugier verwandelt. Dann spürt man, dass man auf einem guten Weg ist. Ein weiterer besonderer Moment ist, wenn die Kinder merken, dass sie eine Begleitung nicht mehr brauchen, sondern »nur« noch kommen, weil es ihnen bei mir gefällt.

Wie bindest du die Eltern ein in deine Arbeit?

Familie ist eigentlich der Ort der Sicherheit und Orientierung – in Zeiten der Trauer befindet sich die Familie jedoch oft in einem »Vakuum«. Jeder versucht zu überleben.

Wenn Eltern sich an mich wenden, führen wir zunächst ein Telefonat, damit sie ein Gefühl für meine Person bekommen. Denn schließlich vertrauen sie mir das Wichtigste in ihrem Leben an: ihr Kind! Das muss passen, damit Vertrauen entstehen kann. Eltern sind in der Regel nur dann bei der Begleitung anwesend, wenn die Kinder noch nicht in der Schule sind oder die Kinder und Jugendlichen es ausdrücklich wünschen. Die Gespräche im Rahmen der Begleitung sind vertraulich. Eltern vertrauen auf meine Zusage, dass ich sie umgehend informiere, wenn Leib oder Seele in Gefahr sind. Das entlastet sie, sodass sie sich um ihre eigene Trauer kümmern können.

Elternarbeit in Kitas ist eine besondere Herausforderung, denn nur wenige Menschen beschäftigen sich »ohne guten Grund« mit dem Ende des Lebens. Es bedarf viel Sensibilität und Aufklärung, weshalb die frühzeitige Auseinandersetzung mit den Themen Leben, Tod und Sterben für die Resilienz der Kinder so wichtig ist. Ich registriere hier jedoch zurzeit eine positive Entwicklung bei vielen Einrichtungen.

Welche Angebote wurden bisher am häufigsten angefragt?

Ich verzeichne eine Zunahme bei Kita-Einrichtungen, die Begleitung und Coaching im akuten Trauerfall anfragen. Interessant ist dabei die Entwicklung, dass zunehmend auch religiöse Einrichtungen meine Dienstleistung in Anspruch nehmen. In den Einzel­trainings wird am häufigsten die Begleitung und Stärkung der emotionalen Entwicklung angefragt.

Wie genau stärken Deine Angebote die Resilienz von Kindern und Jugendlichen?

Resilienz entwickelt sich mit der Reifung des Gehirns und hängt stark von der Persönlichkeits­struktur des Kindes sowie vom Vorbild der Eltern und Bezugs­personen ab. Ein Kind, das schon immer zurück­haltend war, braucht andere Impulse als ein Kind, das die Welt durch Fragen entdeckt. Und doch haben beide Kinder das gleiche Bedürfnis: sich die Welt zu erschließen und dadurch Sicherheit und Orientierung zu erleben.

In meinen Angeboten bin ich zunächst ein Vorbild. Ich setze Impulse, halte aus und rege die Selbstreflexion an – eingebettet in viel Bewegung, Spaß und Kreativität.

Arbeitest Du auch im präventiven Bereich mit Kindertagesstätten gemeinsam?

Ja, das tue ich. Und auch hier lässt sich ein Trend erkennen: Um dem großen Druck sowie der Erwartungs­haltung von Eltern und Schule gerecht zu werden, beauftragen mich Kitas, bestimmte Themenfelder mit meinem Training einzuleiten und diese dann weiter­zuführen und zu festigen. Das passt auch zu meinem Leitsatz: »Vorbeugen ist besser als heilen«. Am besten lässt sich das in Kindertages­stätten umsetzen, wo ich die natürliche Unbefangenheit und Neugier der Kinder nutzen kann.

Meine Angebote umfassen: Mobbing-Prävention, Selbst­behauptungs- und Selbst­schutztraining, Resilienz­training zum Themenfeld »Leben, Tod und Trauer«, Angebote für das pädagogische Personal sowie Elternabende.

Vielen Dank, liebe Jutta, für diesen interessanten Einblick in deine wertvolle Arbeit!

Ich wünsche allen Lesenden eine gute Zeit. Vielen Dank!

Infos zu Jutta Gelbke

Mehr über Jutta Gelbke und ihre Arbeit erfahren Sie auf der Website Hier und Heute – Starke Zukunft für Kinder.